Trailer und Leseprobe zu "Taranee - Zeiten des Zweifels"

Nächste Gratistermine für die Kindleleseprobe (Kapitel 4 und 5, sowie Bonusszene):

25. bis 29. Mai 2016.

 

Der Anfang vom Ende

 

Vellberg, November 2010

 

Mit unbarmherziger Regelmäßigkeit dröhnte und verebbte das Geräusch des Presslufthammers in Taranee Gardners Ohren. Sie kniff die Augen zusammen, vermeinte, einen Lichtblitz hinter ihren geschlossenen Lidern wahrzunehmen. Als sie die Augen wieder öffnete, stand sie im Dunkeln. Selbst die Straßenlaterne war ausgegangen.

Und dennoch spürte sie, dass sie nicht allein war, noch bevor sie aus dem Augenwinkel einen Schatten wahrnahm. Ihr blieben nur Sekundenbruchteile, um Luft zu holen, bevor sich ein sehniger Arm von hinten um ihre Taille legte und sich das kalte Metall eines Pistolenlaufs gegen ihre Schläfe presste.

»Ein einziges Wort und der Erste, der durch diese Tür tritt, um dich zu retten, wird sterben«, zischte der Mann. »Und wer mag das wohl sein? Dein zartes, unschuldiges Töchterlein vielleicht oder sogar … dein Liebster? Das würde dir nicht gefallen, oder?«

Sie gab jedwede Gegenwehr sofort auf.

»So ist es brav. Und jetzt gehst du ganz langsam, auf Samtpfoten sozusagen, wie ihr Ballerinas das so wunderbar drauf habt, mit mir zur Haustür.«

Sie nickte zum Zeichen, dass sie ihn verstanden hatte.

Zu leise ließ ihr Entführer die Haustür ins Schloss fallen, zu leise zerrte er sie zu seinem Wagen, zu leise stülpte sein Komplize ihr einen Sack über den Kopf. Einer der beiden rammte ihr etwas Hartes in den Magen, verhinderte so, dass sich ihr unvermitteltes Keuchen zu einem panischen Schrei auswuchs. Während ihr die Sicht verschwamm, empfand sie fast so etwas wie Dankbarkeit dafür. Ihr Schrei hätte nur weitere Leben gefährdet.

Als sie wieder zu sich kam, beunruhigte sie das leichte Ziehen in ihrem Bauch weit mehr als ihr dröhnender Schädel. Gewaltsam öffnete sie die Lider, erkannte zunächst nur die Umrisse des Raumes, in den man sie gebracht hatte. Sie spürte die modrige Pritsche unter den verspannten Gliedmaßen.

Nach und nach gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit und sie konnte nicht mehr nur den muffigen Geruch, sondern auch die Einzelheiten ihrer Zelle ausmachen. An der Decke nahm sie einen riesigen Flachbildfernseher wahr, auf dessen Funktion sie sich keinen Reim machen konnte, außerdem einen Lautsprecher und eine Videokamera. Ihr Blick folgte einem langen Riss im Mauerwerk, stahl sich durch die Gitterstäbe auf den Gang, an dessen Wand zweifellos auch der Schlüssel zu ihrer eigenen Zelle hing.

Sie schnellte hoch, zuckte aufgrund der plötzlichen Bewegung zu ihrer Linken zusammen, ehe sie in dem Schreckgespenst mit den wirren, blutverkrusteten Haarsträhnen und den glanzlosen Augen ihr eigenes Abbild erkannte. Ein Einwegspiegel?

Ein Kratzen ließ sie herumfahren und die Luft anhalten. Schier endlose Sekunden vergingen, ehe sie das Geräusch den zappelnden Beinen einer Ratte zuordnen konnte, deren Schnauze jetzt über den Rand der gesprungenen Toilettenschüssel lugte. Der saure, übelkeitserregende Gestank biss sich in Taras Nasenschleimhäuten fest. Neben dem Abort stand ein verdrecktes Waschbecken mit einem weiteren Spiegel. Keine Dusche.

Ein bitteres Lachen entrang sich Taras Kehle, als der Gedanke in ihr hochstieg, wie es seinerzeit begonnen hatte. Beinahe unscheinbar, in einem Badezimmer, das seinen Namen im Gegensatz zu diesem hier redlich verdient hatte. Ganz gleich, wie überzeugt sie damals gewesen war, dass sie es nicht schlimmer hätte treffen können.


 

1. Der Rat

 

Vellberg, Juli 1986

 

Tara hasste das Geräusch, mit dem die altrosa Klobrille ihre Oberschenkel freigab.

Sie hätte geschworen, dass sie das Haus ihrer Mutter langsam und mit gebührendem Argwohn betreten würde. Gestern noch hätte sie es geschworen, ohne Zögern. Beim Grab ihrer guten alten Mari. Bei Jonas’ Leben sogar.

Doch es gab niemanden, der sie hätte schwören lassen. Und die halbe Stunde, die Tara nach der zwölfstündigen Fahrt von Hamburg im strömenden Regen am Hessentaler Bahnhof auf das offenbar einzige Taxi in dieser Wüstenei von Käffern hatte warten müssen, hatte andere, primitivere Bedürfnisse in den Vordergrund treten lassen.

Sie versuchte, das Zittern zu unterdrücken, als sie den Blick durch die winzige Nasszelle schweifen ließ. Eine mit grauenhaften Veilchenapplikationen verzierte Porzellantoilette, ein nicht weniger altmodisches, lindgrünes Waschbecken unter einem halbblinden Holzspiegel und eine schäbige Duschkabine von derselben Farbe bildeten ihr Begrüßungsensemble. Das zweite an diesem verflixt verfluchten Tag, nebenbei bemerkt.

Nein, das hier war nicht die Sorte Neuanfang, die sie sich erhofft hatte. Aber es war besser als keiner. Und Tara hatte nicht erwartet, dass ihre Mutter ihr keine Steine in den Weg gelegt hatte.

Womöglich war es aussichtslos.

Dennoch straffte sie die Schultern, stieg aus den tropfnassen Kleidern und unter die Dusche, drehte den Hahn voll auf und ließ das warme Wasser über ihre steif gefrorenen Glieder laufen.

Dann machte sie sich an das Wagnis, den Rest des Häuschens zu inspizieren, der aus lediglich einem weiteren Raum bestand. Und dieser Mühe definitiv nicht wert war. Ein augenkrebserregendes Sammelsurium aus schrulligem, abgewetztem Hausrat, dominiert von einem grün geblümten Ungetüm von einem Sofa, das aus jeder Pore den Geruch von peniblem Lavendel, bitterem Kaffee und altjüngferlicher Ignoranz ausdünstete.

Die plötzliche Enge in Taras Kehle ließ ihren Blick zum Fenster fliehen.

Und dort sah sie ihn.

Den einen, dessen Augen im Vorbeigehen nicht neugierig auf dem Objekt des neusten Dorfklatsches ruhten. Dessen prall mit Zeitungen gefüllte Umhängetasche rhythmisch gegen seinen Oberschenkel klatschte, während er Grönemeyers »Viel zu viel« schmetterte.

Sie stürmte aus dem Haus und machte dem Boten ein Handzeichen, auf sie zu warten.

»Na, machst du Frühsport?« Der flachsblonde junge Mann musterte sie für ihren Geschmack etwas zu lässig und unverschämt.

»Ähm, nein«, hastig strich sie sich die kupfernen Locken aus dem Gesicht, »ich wollte nur fragen, ob ich dir vielleicht eine Zeitung abkaufen kann, obwohl ich noch kein Abo habe.«

Er schüttelte den Kopf.

»Aber –«

»Du brauchst auch keine.«

Woher wollte dieser unhöfliche Kerl bitte wissen, ob sie eine Zeitung benötigte?

Doch bevor sie Zeit zu einer schnippischen Erwiderung fand, setzte er hinzu: »Jeder Neuzugang bekommt hier ein kostenloses Probeabo.« Er sah sie eine Spur zu verträumt an, während er lässig und cool zu wirken versuchte. »Jetzt hab ich dich ganz schön erschreckt, was?« In seinen graublauen Augen blitzte es vergnügt auf.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass er etwas jünger als sie zu sein schien. Ein Jahr, vielleicht sogar zwei. Vermutlich noch Schüler. »Was überhaupt nicht nötig gewesen wäre. Kann man von dir auch eine ordentliche Auskunft kriegen?«

»Was immer du willst, schöne Frau.«

Der Junge trat noch einen Schritt näher und sie stellte fest, dass er deutlich kleiner war als sie selbst. Außerdem hatte er einen ziemlichen Zinken im Gesicht. Dafür war er offenbar nicht um Worte verlegen.

»Gibt’s hier auch so was wie einen Supermarkt?«, ignorierte sie seinen romantischen Vorstoß.

»Klar, sind keine zehn Minuten von hier. Da hinten den Weg rauf, bis nach ganz oben, da kommst du bei der Volksbank raus. Wenn du dann beim Städtle links gehst, ist der Glück ein Stück weiter, schräg gegenüber vom Tor.« Offenbar hatte er ihren irritierten Gesichtsausdruck bemerkt, denn er setzte noch hinzu: »Oder du kommst einfach mit mir mit, ich muss da eh lang.«

»Lieber nicht.« Es hätte fester klingen sollen. Aber es erfüllte den Zweck.

»Wie du willst, meine Hübsche. Bitteschön, einmal das Haller Käseblatt. Bis morgen dann.«

Von wegen bis morgen! Sie rümpfte hinter seinem Rücken ihre leider etwas zu breit geratene Nase. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und warf auf dem Rückweg zum Haus einen Blick auf die Stellenanzeigen des Haller Tagblattes. Natürlich nicht Käseblattes.

»Grüß Gott, i bin die Rose.«

Tara fuhr herum. »Meine Güte, kann man sich hier nicht mal in Ruhe überlegen, ob man Aerobic-Lehrerin oder Erbsenzählerin werden will?«

»Ja was, du überlegst echt, die Stelle anzunehme? I such jetzt schon a Weil nach einer, die des macht.«

Verdutzt musterte Tara die Frau. Ihr starker fränkischer Dialekt schien so gar nicht zu ihrer dunklen Hautfarbe zu passen.

Während Tara sich noch fragte, ob Vellberg wohl innerhalb der ehemaligen amerikanischen Besatzungszone lag, fuhr ihr Gegenüber bereits fort: »I will halt auch a bissl Zeit für mei Kinder über habe, weißt? Wenn du Lust hast, kannste gleich morge anfangen. I regle des mit der Käthe. I kann doch kurz dein Telefon benutze?«

Ohne ihre Antwort abzuwarten, war die Frau schon im Haus verschwunden.

Tara hatte wenig Zeit, ihr perplex hinterher zu blicken, denn inzwischen waren auch die anderen Bewohner des Bühlertals aus ihren Löchern gekrochen und ehe Tara sich versah, befand sie sich mitten drin in einem stetig anwachsenden Wust aus Trainingsanzügen, zu kurz geratenen Lederjacken und um dürre Beine schlackernden Altweiberröcken. Fehlte nur noch die Ameise, die den Sack, ähm, die winzig kleine Hütte zum Platzen bringen würde.

Wäre da nicht der Zettel gewesen, auf dem Roses Arbeitgeberin Tara die Adresse ihrer neuen Michelbacher Arbeitsstelle aufgeschrieben hatte sowie eine Stuttgarter Telefonnummer, die sie wegen des nächsten Group Instructor B-Lizenz Wochenendseminars anrufen sollte Tara hätte das alles als einen bizarren Traum abgetan.

Benommen steckte sie das Papier weg, berührte dabei mit den Fingerkuppen den Brief, den sie fein säuberlich gefaltet in ihrer Hosentasche bei sich trug.

Nein, sie würde nicht an den Brief denken. Vor allem nicht jetzt.

Lieber noch richtete sie den Blick auf den jungen Schwarzen, der neben Rose auf dem Sofa des Grauens saß und diese ebenso permanent wie penetrant musterte – augenscheinlich etwas, das die Vellberger bis zur Perfektion kultiviert hatten.

Das plötzliche Schrillen des Telefons spiegelte Taras Widerwillen. Vermutlich der Notar. Er hatte es nicht einrichten können, sie abzuholen, ihr aber versprochen, sich zeitnah zu erkundigen, ob alles in Ordnung wäre.

Doch am anderen Ende der Leitung meldete sich ein wildfremder Mann – nicht, dass ihr der Notar nicht fremd gewesen wäre – dessen Namen sie sich ganz gewiss nicht merken würde. Ebenso wenig, wie sie sich die Mühe machte, zu fragen, woher er ihre Nummer hatte. Die schließlich eigentlich gar nicht ihre war.

»Falls Sie mit Valerie Gardner sprechen wollen, die ist tot«, erklärte sie stattdessen ungefragt und unverblümt.

»Will ich nicht. Ich hab Sie vorhin ankommen sehen. Vielleicht erinnern Sie sich? Der rothaarige Mann auf dem Fahr-«

»Nein, ich erinnere mich nicht«, fiel sie ihm ins Wort, »und wenn Sie einer von der Grundlos-Gaffergarnision sind, will ich das auch gar nicht. Wie kommen Sie überhaupt dazu, hier anzurufen?«

»Naja, Sie sind neu hier und kennen sich nicht aus. Da wollte ich Sie fragen, ob Sie heute Abend mit mir ausgehen. Essen vielleicht. Im Ochsen ist es klasse.«

Tara warf einen Blick auf die leeren Teller, die sich in der Spüle stapelten – die sterblichen Überreste des ganzen Dutzends Butterbrezeln, das ihr der Notar als Willkommensgeste hingestellt hatte. Die beiden kannten ihr Heuschreckenvolk offensichtlich gut. »Vielen Dank, aber wo der Supermarkt ist, weiß ich schon.« Dank eines weiteren Vellbergers der Gattung Casanova, wie sie im Stillen hinzufügte. »Ich komme zurecht.«

»Wir könnten trotzdem ausgehen.«

»Das ist ja wohl nicht Ihr Ernst. Langsam habe ich das Gefühl, dass hier in Vellberg alle an einem unheilbaren Schwerenöter-Komplex leiden!« Tara knallte den Hörer auf die Gabel, drehte sich schwungvoll um – und blickte einer ganzen Sippe Vellberger in die geweiteten Augen und Münder.

Eine halbe Stunde später hatte sich dann auch prompt der letzte Gast verabschiedet. Eine Träne verfing sich in Taras Augenwinkel, als sie die Tür schloss.

Sie hatte so nicht sein wollen. Die Leute hier konnten doch nichts dafür, dass sie das alles hier nicht wollte. Nicht die Neugierde. Und schon gar nicht das Mitleid.

Tara riss sich zusammen und schlug den Weg ein, den ihr der Zeitungsjunge beschrieben hatte. Tatsächlich war der »Glück« kaum zu verfehlen. Und auch wenn er sich kaum als Supermarkt bezeichnen durfte, überforderte die übergroße Auswahl an Broten, Brötchen und süßen Stückchen Taras Entschlussfreudigkeit deutlich. Ganz offensichtlich schätzten die Vellberger gutes Backwerk ebenso sehr wie ständige Gesellschaft. Zumindest ereiferte sich die Inhaberin nach dem hier wohl obligatorischen »Grüß Gott« ziemlich aufdringlich und in nahezu unverständlicher fränkischer Mundart für Taras Vorleben.

Tara hätte gerne gewusst, ob sie selbst es war oder doch eher ihre verstorbene Mutter, die das allgemeine Interesse erregte. Allerdings nicht so gerne, dass sie sich auf das Verhör eingelassen hätte, um es herauszufinden.

Immerhin schien es auch in Franken zumindest ein oder zwei Dinge zu geben, die unter die notarielle Schweigepflicht fielen.

Als Tara den Laden verließ, stellte sich ihr plötzlich ein junger Mann in den Weg. »Sie sind bestimmt die Tochter von Fräulein Gardner, nicht wahr?«

»Und wenn es so wäre?« Seine Aufdringlichkeit ließ sie instinktiv zurückweichen, bis sie sich plötzlich mit dem Rücken zur Ladentür wiederfand. Da half es wenig, dass er ihre für den heutigen Tag schon wahrlich genug malträtierten Ohren mit Hochdeutsch verwöhnte.

»Dann wohnen Sie jetzt also in dieser ärmlichen Spelunke. Das tut mir leid. Sicher hatten Sie auf eine größere Erbschaft gehofft.« Er fuhr sich augenscheinlich nervös durch die dunklen Haare.

Womöglich war es der Kerl, der sie am Nachmittag angerufen hatte. Am Telefon hatte sie seine Hartnäckigkeit in gewisser Hinsicht amüsant gefunden, aber ihm im Dunkeln auf der Straße zu begegnen, das war etwas anderes. »Also eigentlich …«

»Eine Frau wie Sie sollte nicht in so einer Hütte wohnen.«

Sie fröstelte bei seinen Worten und unter seinem Blick, den er auf ihre sich unter dem dünnen Pullover deutlich abzeichnenden Brustwarzen gerichtet hielt. »Ich gehe jetzt besser.«

Ihr Gegenüber kramte in seiner Hosentasche, ließ Tara dabei einen kurzen Moment aus den Augen – und sie nutzte ihre Chance, stieß sich von der Ladentür ab und rannte blindlings drauflos.

»Warten Sie! Ich gebe Ihnen meine Karte.«

Sein Ausruf veranlasste Tara jedoch nur dazu, ihre Schritte noch weiter zu beschleunigen. Sie stolperte den schmalen Weg ins Bühlertal hinunter, strauchelte auf einer der vom Regen noch rutschigen Treppenstufen, glitt auf der kleinen Holzbrücke aus, die über die Bühler führte. Rappelte sich auf und hastete weiter, bis sie schließlich ihre sicheren vier Wände erreichte.

Ihr Herz hämmerte heftig gegen ihre Rippen. Sie musste sich beruhigen. Irgendwie. Moment mal, hatte der Typ am Telefon nicht behauptet, er sei rothaarig? Genau. Er konnte es also nicht gewesen sein.

Doch dann …, grausam kappte der Gedanke ihren erleichterten Atemzug, … waren es gleich zwei, die ihr nachstellten. Nach nur einem Tag.

Es gab nur einen Weg, diesem Irrsinn wenigstens für ein paar Stunden zu entkommen. Tara schlüpfte in ihr Nachthemd und unter die klammen Laken. Langsam bekam sie eine vage Vorstellung davon, was ihre Mutter später davon abgehalten hatte, sie zu sich zu holen. Es wäre unmöglich gewesen, ihre Geschichte vor den Vellbergern geheim zu halten.

Der Lattenrost ächzte, als Tara sich herumwälzte. Nein, so leicht wollte sie es ihrer Mutter auch nicht machen. Schließlich hätte sie Tara gar nicht erst abzugeben brauchen. Und niemand hatte sie gezwungen, in dieses gottverdammte Kaff zu ziehen.

Erst viel später fiel Tara in einen unruhigen Schlaf. Gesichtslose, felsengleiche Männerkörper trieben sie gegen steinerne Mauern. Ein hexenhaftes Lachen grollte aus den Schatten, eiskalte Augen brannten in ihren, genossen ihre Pein. »Bis morgen dann«, krächzte die Alte, ehe sie ihr den Rücken zuwandte. Zu viele Steine.

Nein, dieser Traum war vielleicht surrealer, aber auch nicht besser als der andere.

 

* * *

 

Hingegen war Taras nächster Besucher, den sie nach ihrem ersten Tag im Michelbacher Fitnessstudio vor ihrem Haus rumlungernd antraf, definitiv besser als alle vorigen zusammengenommen. »Jonas«, sie fiel ihm ungestüm um den Hals, »meine Güte, bin ich froh, dass du hier bist!«

»Ich konnte dich doch nicht einfach so aus meinem Leben verschwinden lassen, ohne dich noch mal zu sehen, du treulose Tomate.« Seinem warmen Tonfall war das Schmunzeln anzuhören.

»Du hast ja wohl nicht geglaubt, dass ich auf einen treulosen Weltenbummler warten würde«, neckte sie ihn.

»Nicht mal den einen Tag, Süße?«

»Hey, du weißt ganz genau, dass du eigentlich erst in zwei Monaten wieder in Hamburg sein wolltest.« Mit gespielter Empörung knuffte sie ihn in die Seite. »Woher weißt du überhaupt, dass ich hier bin? Und wie kommst du so schnell hierher?«

»Nun mal langsam, mein Schatz. Willst du mich nicht erst mal reinbitten?«

Sie lachte, als sie sich bei ihm unterhakte. Während beide einträchtig in der Küche hantierten, berichtete er ihr von seinem Jahr in London. Es schien so unwirklich, dass er all diese Bauwerke, die sie nur von seinen Postkarten kannte und deren Namen sie sich nicht einmal merken konnte, wahrhaftig gesehen hatte. Und sei es auch teilweise nur von außen, weil sein Kellnergehalt für den Eintritt nicht gereicht hatte. Was hätte sie darum gegeben, ihn begleiten zu dürfen. Ein Jahr war entsetzlich lang, wenn es einen von der Volljährigkeit trennte – und von ihm. Wehmütig lauschte sie seinen Worten, genoss den leichten Anflug eines englischen Akzents, der sich in seine Aussprache geschlichen hatte. Äußerlich hatte er sich kaum verändert, trug sogar noch die jungenhafte Wuschelfrisur, mit der er vor knapp einem Jahr das Waisenhaus verlassen hatte.

»Du bist so still, Schätzchen. Gib’s ruhig zu, du hast einen anderen und bist deshalb klammheimlich hierher gezogen«, zog er sie schließlich auf, nachdem sie sich zum Essen gesetzt hatten.

»Woher weißt du das denn?«, ging sie auf das Spiel ein.

»Die Soße ist total versalzen.«

»Echt?« Sie probierte einen Löffel. »Scheiße.«

»Halb so wild.« Er schmunzelte. »Die Engländer können auch nicht kochen.«

»Kannst du nicht einmal ernst sein?« Sie verspürte plötzlich das dringende Bedürfnis, die Katze aus dem Sack zu lassen. »Das hier ist das Haus meiner Mutter.«

»Deiner was?«

»Du hast schon richtig gehört. Kannst du dir vorstellen, was das für ein Gefühl ist, an all die Jahre im Waisenhaus zurückzudenken und zu wissen, dass man da eigentlich gar nicht hingehört hätte?«

»Hey, nimm’s nicht so schwer, ja? Eine Mutter zu haben, die einem wenigstens was vererbt, ist immer noch besser, als ewig von der Hand in den Mund zu leben.«

»Du verstehst das nicht.« Wie konnte er jetzt leichthin mit Binsenweisheiten um sich werfen? »Ich hatte eine Mutter. Ich hatte es nicht verdient, im Waisenhaus aufzuwachsen.«

»Moment mal, willst du damit sagen, dass ich -?« Er hatte den Löffel sinken lassen.

»Nein, das doch nicht«, ruderte sie zurück. »Es ist nur … ich bin einfach so wütend auf sie. Warum hat sie mir das angetan? Ich hatte eine Mutter, verdammt noch mal!«

»Tara, egal, was deine Mutter auch für ein Mensch gewesen sein mag. Sie ist tot. Wenn du jetzt noch wütend auf sie bist, machst du damit nur dich selbst unglücklich.«

Er hatte ganz ruhig gesprochen. Doch gerade das missfiel ihr.

»Aber was ist, wenn sie das absichtlich getan hat? Wenn Sie mir dieses verflixte Haus vermacht hat, damit ich den Rest meines Lebens hier mit diesen …« Ihr fiel kein Wort ein, das die Vellberger in ihrer Abartigkeit treffend genug beschrieben hätte.

»Tara, jetzt bist du albern. Außerdem zwingt dich ja auch niemand, das Erbe anzunehmen.«

»Ach, albern bin ich, ja?« Missmutig versuchte sie, ihre Spaghetti von der ungenießbaren Soße zu befreien. »Du musst dich ja nicht von den ganzen Vögeln hier begaffen und dir nachstellen lassen. Das Leben hier ist die Hölle.«

»Das bezweifle ich. Deine Mutter hat dir die Möglichkeit gegeben, aus dem ganzen Mist rauszukommen. Wie viele von uns bekommen so eine Chance? Du kannst mir doch nicht sagen, dass du die einfach so nicht nutzen willst.«

»Ach, kann ich nicht?« Wie sie solche Reden hasste! »Und was, wenn ich hier gar nicht leben will?«

»Dann bist du eine größere Närrin, als ich dachte.«

Beharrliches Schweigen hatte den letzten freien Platz am Tisch eingenommen. Tara war froh, als sie aufstehen konnte, um die benutzten Schüsseln einzuweichen. Als sie fertig war, kam Jonas gerade aus dem Bad.

»Ich muss jetzt los, ja?«

Musste er? Oder wollte er?

»Du denkst doch darüber nach, was ich gesagt hab? Bitte.«

»Ja, tu ich.« Aber ansehen wollte sie ihn nicht. Blöder Besserwisser.

 

* * *

 

Paradoxerweise schien es ganz so, als könne Tara ausgerechnet am Arsch der Welt niemals ihre Ruhe haben. Jonas war der Einzige, der nicht wieder kam. Möglicherweise war er längst zurück in Hamburg. Ähnlich gesehen hätte es ihm. Tara ertappte sich beim Versuch, seine Sprunghaftigkeit zu rechtfertigen. Und beim Gedanken, wie traurig seine Abschiedsworte geklungen hatten.

Oh nein, den Schuh würde sie sich nicht anziehen! Es war einfach unfair, wie er ihr seit jeher jede Form von Selbstmitleid verbot. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte sie den ganzen Tag vor Freude im Kreis rumhüpfen sollen. Na, wohl kaum! Nicht einmal er konnte erwarten, dass sie sich von einem sorgfältig und in Schönschrift verfassten Haufen kitschiger Scheiße blenden ließ, bloß weil die Frau, die ihn verbrochen hatte, zufällig inzwischen zehn Fuß unter der Erde lag. Nein, sie würde nicht vergeben. Sie nicht. Schließlich war sie nicht diejenige, die hier blond und blauäugig war.

Und trotzdem gewann der kranke, masochistische Drang, den Brief zu entfalten und seinen Inhalt nach nur einem Funken Trost zu durchforsten, erneut die Oberhand.

 

Meine liebste Tochter,

falls Du das Temperament Deines Vaters geerbt haben solltest, kann ich von Glück sagen, wenn Du diesen Brief nur zerrissen und nicht auch noch verbrannt hast, als Du meine Anrede last.

Ich kann mir vorstellen, dass Du nicht der Meinung bist, dass ich das Recht habe, Dich so zu nennen, nachdem Du heute zum ersten Mal von mir hörst. Vielleicht habe ich das tatsächlich nicht und habe auch nicht verdient, dass Du Dir meine Geschichte anhörst. Doch wenn Du das hier vor Dir hast, bin ich nicht mehr. Das ist vielleicht der einzige Grund, aus dem Du mir eine Chance geben und weiterlesen wirst.

Es gab eine Zeit, da konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich einmal mein Kind verleugnen würde. Wie alle wohlerzogenen englischen Mädchen träumte ich von einem Mann, einem Heim und Kindern.

Aber das Schicksal hatte anderes für mich im Sinn.

Ich war nicht schön – und so sehr ich auch verabscheue, wie Dein Vater sich mir gegenüber verhalten hat, so hoffe ich doch, dass Du zumindest so viel von ihm hast, dass Du nicht mit meinem mausgrauen Äußeren gestraft bist.

Wie dem auch sei, ich wurde dreißig, ich wurde vierzig, und es fand sich nicht ein einziger Mann, der mir den Hof gemacht hätte. Irgendwann begannen meine Eltern, sich damit abzufinden, dass ihr einziges Kind als alte Jungfer im Haus bleiben würde. Ich lebte zurückgezogen, arbeitete in ihrer Schneiderei mit und erwartete nichts mehr vom Leben.

Doch dann, es war kurz nach meinem achtundvierzigsten Geburtstag, trat Dein Vater in ebenjenes. Er war Seemann, breitschultrig und von der Sonne gebräunt, mit wildem rotem Haar und einem umwerfenden irischen Akzent.

Ich erinnere mich noch genau, wie er in unseren kleinen Laden kam, um seine Kapitänsuniform ausbessern zu lassen. Und ich werde niemals vergessen, wie sein wettergegerbtes Gesicht sich schelmisch verzog, als er mir zuzwinkerte.

Er ging mit mir aus, und ich war mehr als nur im siebten Himmel. Ich meinte damals, mit aller Romantik bereits abgeschlossen zu haben, doch sie holte mich mit doppelter – nein, mit dreifacher – Wucht ein und die Liebe traf mich, und das im wahrsten Sinne des Wortes, mit voller Breitseite.

Dein Vater war so charmant, redete von einer Hochzeit auf hoher See bei Sonnenuntergang, von einem gemeinsamen Haus unter Palmen auf einer Südseeinsel … Und ich schmolz dahin.

Nach wenigen Wochen setzte sein Schiff wieder die Segel und während eines - wohl vorwiegend von meiner Seite aus – tränenreichen Abschieds versprach er mir, mich bald holen zu kommen. Ich hoffte jeden Tag auf eine Nachricht von ihm, doch stattdessen stellte ich nach zwei Monaten fest, dass ich sein Kind erwartete: Dich. Ich war außer mir vor Freude und schrieb Deinem Vater einen langen Brief, in dem ich ihm die frohe Botschaft mitteilte. Ich war mir so sicher, dass er nun bald kommen und mich holen würde und dass wir für immer glücklich sein würden. Doch alles, was ich erhielt, waren ein paar Zeilen von ihm.

Vielleicht wäre ich glücklich geworden mit Dir, wenn er mir nicht geantwortet hätte. Wenn ich einfach nie wieder etwas von ihm gehört hätte und mir hätte einreden können, er wäre auf hoher See umgekommen, bevor er mich zum Traualtar führen konnte. Manchmal träume ich heute noch davon, wie er sich auf offener See an eine Planke klammert. Seine Finger werden kalt, gefühllos und immer schwächer und schließlich lässt er sich, meinen Namen auf den Lippen und ein entrücktes Lächeln im Gesicht in die schwarzen, unendlichen Tiefen der See hinunterziehen, in den sicheren Tod.

Stattdessen schrieb er mir, er könne sich nicht an mich erinnern. Ich solle zum Teufel gehen mit meinem Kind oder sonst wohin. Aber ich solle nicht erwarten, dass er für einen Bastard einstehen werde, der höchstwahrscheinlich nicht mal seiner wäre.

Du kannst Dir nicht vorstellen – obwohl ich wünschte, Du könntest es - wie sehr ich mich geschämt habe, es meinen Eltern zu sagen. Sie waren gute, anständige Leute, und meine Mutter hatte seit Wochen jeden Abend damit verbracht, an meinem Brautkleid zu nähen. Ich konnte es ihnen nicht sagen. Also verließ ich sie ein paar Wochen darauf, bevor mein Zustand allzu offenkundig wurde und es Gerede geben würde. Ich sagte ihnen, Dein Vater würde mich im nächsten Hafen abholen.

Meine Eltern brachten mich noch zum Zug. Ich habe sie seither nie wieder gesehen. Denn wie hätte ich es über mich bringen können? Ohne Kind und Mann an meiner Seite? Es hätte ihnen das Herz gebrochen. In meiner Erinnerung sehe ich sie noch, wie sie dort stehen, Mutter mit ihrem verblichenen Taschentuch in der Hand und meinen guten Vater, wie er sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel zwinkert, während der Zug den Bahnhof verlässt.

Meine Ersparnisse reichten nicht einmal für die Überfahrt, weshalb ich das Hochzeitskleid veräußern musste. Von dem Erlös siedelte ich nach Deutschland über und mietete ein kleines möbliertes Zimmer im Hamburger Hafenviertel, das ekelerregend roch und von Ungeziefer nur so wimmelte. So schlug ich mich bis zu Deiner Geburt durch. Eine Arbeit traute ich mich nicht zu suchen. Das hätte nur Fragen nach meiner Schwangerschaft mit sich gebracht. Unangenehme, widerliche Fragen, die ich zu vermeiden gedachte.

Das Geld reichte hinten und vorne nicht, und am Ende war ich zu der Überzeugung gekommen, dass dies kein Leben sei. Es war schlimm genug, dass ich meine Eltern nie wieder sehen konnte, ohne ihre Illusionen zu zerstören. Aber nach den vorangegangenen Wochen bei Brot und Wasser in einem besseren Rattenloch war mir klar, dass ich dieses Leben um keinen Preis fortsetzen wollte.

Mit einem unehelichen Kind, das mich obendrein noch am Arbeiten hindern würde, konnte es nur schlimmer werden. Ich konnte auch den Gedanken nicht ertragen, dass ich für den Rest meines Lebens beim Blick in das Gesicht meines Kindes an meinen Fehltritt erinnert würde. Also gab ich Dich im Waisenhaus ab und verließ Hamburg. Der Zufall verschlug mich nach Vellberg, wo ich unbehelligt, wenn auch als Einsiedlerin und alte Jungfer verschrien, bis zum heutigen Tag gelebt habe und bis an mein Lebensende leben werde.

Von dort aus schrieb ich meinen Eltern blumige Briefe, erzählte, wie gerne ich sie besuchen kommen würde, wie groß Du schon geworden seist und wie gut es mir gehe.

Inzwischen sind sie tot. Aber sie sind glücklich gestorben. Das ist mehr, als ich selbst jemals hoffen kann.

Ich habe oft an Dich gedacht und noch öfter überlegt, wie ich Dich wieder zu mir holen könnte. Aber ich hatte nie den Mut dazu, es durchzuziehen. Je länger ich wartete, desto mehr Vorwürfe erwarteten mich von Dir, desto unüberwindlicher wurden die Schwierigkeiten.

Ich möchte aber, dass Du Dein Dir rechtmäßig zustehendes Erbe antreten kannst. Es ist nicht viel, aber vielleicht hilft es Dir, auf eigenen Füßen zu stehen, und bewahrt Dich einmal vor einer Entscheidung, wie ich sie für mich getroffen habe. Deshalb werde ich diesen Brief beim Notar hinterlegen, dem ich den Auftrag erteilen werde, Dich aufzufinden und Dir mein Schreiben zu übergeben, wenn es mit mir zu Ende gegangen ist.

Ich wünsche mir, dass Vellberg wenigstens Dir den strahlenden Neuanfang bescheren wird, den ich mir damals- in meiner unglaublichen Naivität - erhofft hatte.

In Liebe,

Deine Mutter Valerie

 

Tara hatte den Brief gelesen, wieder und wieder. Aber was immer diese fremde Frau an Ausreden vorzubringen hatte: Sie war ihre Mutter. Sie hatte sie verlassen. Und es gab nichts, womit dieser Umstand zu entschuldigen war. Die Bögen segelten zu Boden. Tara schnappte sich im Vorbeieilen das Springseil, das ihre Chefin ihr zum Einstand geschenkt hatte, und riss die Tür auf. Sie füllte ihre Lungen mit frischer Luft, bis es wehtat, befreite ihren Kopf von allen Gedanken und überließ sich ganz der kindlichen Freude, wieder und wieder über das Seil zu springen.

»Du stehst wohl wirklich auf Frühsport, was? Und das, wo du heute frei hast.« Es war der Zeitungsjunge, der sie in die Realität zurückholte. Tara zog überrascht eine Braue hoch, woraufhin er ergänzte: »Mittwochs sind keine Kurse.«

»Ach so, ja. Das wusste ich.« In Wahrheit hatte er ihr gerade zwei unnötige Busfahrten erspart. Sie betrachtete interessiert ihre Fußspitzen. Er musste ja wohl nicht erfahren, dass sie ihre eigenen Arbeitszeiten nicht im Kopf hatte.

»Und worauf stehst du sonst so?«

Sie blinzelte irritiert. »Was?«

»Ich meine, es muss doch noch andere Sachen geben, die du magst?«

»Schon möglich.« Irgendwie gefiel ihr, wie er genüsslich die Wörter langzog. An diese Art fränkischen Akzent könnte sie sich gewöhnen. »Sag mal, wie heißt du überhaupt?«

»Dirk. Dirk Kaufmann. Ich dachte schon, du fragst nie.«

Mist! Sie spürte, wie sich ihre Gesichtsfarbe bei seinen Worten abrupt der ihrer Haare annäherte, was er mit einem leichten Lächeln zur Kenntnis nahm. »Ich bin Taranee Gardner.«

»Ich weiß.« Er grinste, aber es kam ihr plötzlich gar nicht mehr unverschämt vor.

Sie wickelte sich eine Locke um den Finger. »Stimmt ja. So wie jeder andere hier auch.«

»Genau.«

Gott! Wenn einer mit seinem Lächeln die Sonne bis ins Bühlertal scheinen lassen konnte, dann war er es. »Aber wenn ich dich jetzt rein bitte, hast du den anderen was voraus. Und ich langweile mich nicht zu Tode.«

Eine Ahnung überfiel sie, als sie Dirk die Tür aufhielt, dass sie ihn nicht nur in ihr Haus, sondern gleichsam und unumkehrbar in ihr Leben ließ.

Und wenn schon! Sein Eintreten ließ das Sofa weniger hässlich, die Enge viel weniger drückend und ihr Leben gar nicht mehr einsam erscheinen.

 

* * *

 

In den kommenden Wochen lernte Tara Dirks unbeschwerte Fröhlichkeit, die Art, wie er im Hier und Jetzt lebte, als gäbe es keine Vergangenheit, über die es nachzudenken galt, zu schätzen.

Und waren es nicht ganz zufälligerweise diese Eigenschaften, die sich für den Neuanfang, den Jonas von ihr gefordert hatte, bestens eigneten? Nicht, dass er das je erfahren würde. Nur fürs Protokoll.

An einem kühlen Novembervormittag tauchte Jonas dann aber doch auf. Er hatte noch nicht einmal die Türschwelle erreicht, als sie ihm schon um den Hals fiel.

»Ich hab dich auch vermisst, Kleines«, murmelte er an ihrem Haar; und sie vergaß in diesem Moment, dass sie eigentlich noch wütend auf ihn sein wollte.

Drinnen füllte sie zwei bauchige Tassen mit siedender Milch, während er sich nach dem Kakaopulver streckte. Mit angezogenen Knien kuschelte sie sich kurz darauf neben ihn in die Ecke des Sofas, schob die bloßen Füße unter seine warmen Oberschenkel und nippte an ihrem heißen Getränk.

»Und, hattest du eine gute Fahrt?«

Er nahm ebenfalls einen Schluck Kakao. »Hm, ja, schon.«

»Und hast du dich schon wieder eingelebt?«

»Ich arbeite dran.« Er drehte die Tasse zwischen seinen großen Händen. »Dich frag ich besser nicht?«

Sie schüttelte den Kopf. Heute würde sie nicht mit ihm streiten. »Warst du an Maris Grab?«, wechselte sie vorsichtshalber das Thema.

»Ja, schon ganz zu Anfang. Ist schön geworden.«

»Ja.« Sie schwiegen eine Weile. »Wenn du nächstes Mal hingehst, fragst du sie von mir, wie sie das mit dem Kakao gemacht hat, ja?«

»Hey, so schlecht ist deiner gar nicht.«

»Meiner ist sogar super«, sie streckte ihm übermütig die Zunge raus, »aber du hast ja das Pulver reingetan.«

»Na warte!«

»Worauf denn?«

»Bis du ausgetrunken hast, natürlich.«

Sie seufzte theatralisch. »Ich würde meine Seele dafür verkaufen, dieses Monstrum von einem Sofa loszuwerden. Also los.«

Ohne Eile stellte er seine Tasse auf dem Couchtisch ab, lehnte sich in die Polster zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Dann warte ich erst recht.«

»Entscheid dich mal, wer wartet jetzt? Du oder ich?«

»Okay, du hast es nicht anders gewollt.« Mit einer blitzschnellen Bewegung hatte er sie der Tasse entledigt.

Ihre abwehrend erhobenen Hände bewahrten sie nicht von seiner erbarmungslosen Kitzelattacke. Und eigentlich wollte sie das auch gar nicht. »Ich kann nicht mehr, ehrlich«, japste sie schließlich. »Ich bin völlig aus der Übung.«

Er ließ tatsächlich von ihr ab, legte unvermittelt den Kopf an ihren Bauch. Ihre Augen wurden feucht. Gott, ja, sie hatte ihn vermisst! Und wie sie ihn vermisst hatte! Sie brauchte ein paar Minuten, ehe sie sich zutraute, über die Narbe an seinem linken Augenlid zu streichen, ohne die Kontrolle zu verlieren. Und selbst dann rann noch eine einzelne, verirrte Träne über ihre Wange.

Irgendwann, es spielte keine Rolle, wie viel Zeit vergangen war, sah er zu ihr hoch. »Du bist doch zurechtgekommen, oder?«

»Ja.« Sie schluckte, als er die Hand an ihre Wange legte. »Ja, es war nichts mehr.«

In diesem Moment klingelte es.

Dirk hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, direkt nach der Schule bei ihr vorbeizuschauen. Er schien sich zu freuen, mal einen von ihren Freunden kennen zu lernen, aber Jonas blickte die ganze Zeit nur drein wie siebzig Tage Regenwetter.

Beim gemeinsamen Mittagessen stellte Tara fest, dass das Schweigen auf einen eigenen Stuhl verzichten konnte, solange Jonas ihm einen Platz auf seinem Schoß anbot. Jonas’ Miene blieb versteinert und Dirks freundliches Lächeln wirkte inzwischen auch etwas gekünstelt.

Gut, wenn Jonas meinte, ihre Freunde nicht kennenlernen zu müssen. Seine Sache.

Sie wandte sich demonstrativ Dirk zu, um sich mit ihm über seine Matheklausur zu unterhalten. Es wirkte. Jonas stand auf und verzog sich beleidigt ins Bad.

»Süße, kannst du mal kurz kommen?«, tönte es kurze Zeit später aus ebenjenem. »Ich glaub, ich hab gerade dein Waschbecken geschrottet.«

Das eben noch befriedigte Grinsen erstarb auf ihren Lippen. Sie ließ Dirk am Esstisch zurück und baute sich vor Jonas auf. »Normalerweise sagt man euch Männern ja eher nach, dass ihr alles reparieren könnt als dass ihr ständig was kaputt macht.«

»Reg dich ab, Tara. Der Wasserhahn ist in Ordnung. Ich hab nur ein bisschen an der Armatur rumgemacht, damit ich ein paar Minuten mit dir reden kann.«

»Bist du verrückt?« Sie beobachtete, wie das winzige Seifenstück am Beckenrand zum Schiffchen wurde. Ärgerte sich über sich selbst, weil sie ihre Stimme seinem gedämpften Tonfall anpasste. »Aber dir ist schon aufgefallen, dass wir hier Teppich liegen haben?«

»Wie gesagt, mit ein bisschen Werkzeug kann man das ganz schnell wieder festmachen.«

Musste er sie denn so ehrlich zerknirscht ansehen? Sie verwarf den Vorsatz, ihn anzuschreien, sondern zischte nur: »Und woher soll ich das bittschön nehmen?«

Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Du kannst ja einfach deinen Freund fragen.«

»Oh ja, das würde dir so passen, ihn loszuwerden. Aber das machst du schön selbst.«

Schuldbewusst verzog er das Gesicht, massierte seinen Nacken.

»Also«, lenkte sie seufzend ein, »worüber willst du so dringend mit mir sprechen?«

»Das weißt du genau. Dieser Dirk, der ist nichts für dich.«

»Ach, und das sagst du einfach so?« Langsam war sie mit ihrer Geduld für seine Marotten am Ende. »Du kommst alle Jubeljahre mal vorbei und ich soll hier sitzen und Däumchen drehen, bis du meine Bekanntschaften absegnest? Aber nicht mit mir, mein Lieber. Du bist weder mein Bruder noch mein Vater, auch wenn du dich gerne so aufführst.«

»Ich sage ja nur, dass ich ihn nicht ausstehen kann. Irgendwas stimmt nicht mit ihm.«

»Okay, wenn du mir jetzt noch verrätst, wann dir in den letzten Jahren auch nur ein einziger Typ, den ich mochte, gefallen hat, bin ich bereit, deine Bedenken ernsthaft in Erwägung zu ziehen.« Das hatte gesessen. »Und jetzt entschuldige mich bitte. Ich muss los, sonst verpass ich meinen Bus. Ich denke, du findest die Tür allein.«

Dirk rief ihr nach, als sie zur Tür hinausrauschte, holte sie ein und umarmte sie zum Abschied. »Dann sehen wir uns morgen, ja?«

»Klar, bis morgen dann.«

Sie spürte Jonas’ Blick im Rücken, aber das war ihr egal. Sie brauchte sich vor ihm nicht zu rechtfertigen und ließ die Verabschiedung mit Absicht inniger ausfallen als sonst.

 

* * *

 

Als Tara nach dem Abendkurs nach Hause kam, fand sie eine Notiz von Jonas an der Tür vor: »Sorry wegen vorhin. Habe übrigens eine Wohnung und Arbeit hier in der Nähe gefunden. Diesmal bin ich nicht schuld, wenn wir nichts voneinander hören. Jonas« Auf die Rückseite hatte er seine Telefonnummer gekritzelt.

Na, wenn er glaubte, sie würde ihn jetzt anrufen, hatte er sich aber mächtig geschnitten. Sie zerknüllte den Zettel, warf ihn in den Papierkorb und stapfte ins Bad. Offensichtlich hatte er wenigstens die Armatur wieder hinbekommen. Aber das war ja wohl das Mindeste. Und der Teppich müffelte trotzdem. Da reichte ein dahingekritzeltes »Sorry« nicht. Sie riss das Fenster auf, angelte nach ihrer Zahnbürste und knallte die Tür zu.

Doch obwohl Tara todmüde war, hielt sie an diesem Abend irgendetwas vom Einschlafen ab. Als sie nach Stunden doch endlich in einen unruhigen Halbschlaf gefallen war, klingelte es an der Tür.

»Dirk, ich bin hundemüde. Was machst du um diese Zeit hier?«

»Kann ich reinkommen?«

Gähnend trat sie einen Schritt zurück. »Tu, was du nicht lassen kannst.«

»Danke.«

»Also, was ist los?«, erkundigte sie sich, nun schon etwas wacher.

»Mein Paps hat mich rausgeworfen.«

»Und warum?«

»Darüber will ich nicht reden.« Er vermied jeden direkten Blickkontakt. »Kann ich erst mal hier bleiben?«

Gut, er wollte also nicht reden. Konnte sie gut verstehen. Zumal sie selbst auch zu müde war, um sich jetzt noch die ganze Geschichte zuzumuten. Und egoistischer als Jonas’ heutige Motive konnten seine ja wohl kaum mehr sein. »Du kannst heute Nacht erst mal auf der Couch schlafen und morgen früh sehen wir weiter, ja?«

»Danke. Ich weiß nicht, wie ich das wiedergutmachen soll. Ich wusste einfach nicht, wo ich sonst hin soll.«

»Schon gut.« Sie befreite sich etwas linkisch aus seiner Umarmung. »Jetzt leg dich schlafen, sonst schmeiß ich dich doch noch raus. Ich bin zum Umfallen müde.«

 

* * *

 

Gegen neun begleitete Tara einen ziemlich übernächtigten Dirk zur Bushaltestelle. Sie hatte nicht einmal eine Wolldecke für ihn auftun können. Ihre Mutter schien nie über Nacht einen Gast gehabt zu haben. Nicht, dass das Tara überrascht hätte.

Sie hatte gehofft, er würde ihr ein wenig mehr über den Grund seines Rauswurfs erzählen, aber da wurde sie enttäuscht. Er war den ganzen Weg über ungewöhnlich schweigsam und verabschiedete sich nur halbherzig, fast abweisend von ihr. In der Nacht zuvor noch war ihr seine Nähe unangenehm gewesen. Jetzt hätte sie alles darum gegeben, wenn er noch der Alte gewesen wäre.

Und mit einem Mal wünschte sie, seine Umarmung erwidert zu haben … bis sie ein Blick in Jonas’ blitzende Augen in die Realität zurückkatapultierte und eine verräterische Hitze in ihre Wangen steigen ließ. Er musste wohl im Bus gesessen haben. Und ganz offensichtlich hatte er sie mit Dirk gesehen.

»Nun, bist du hier, um mir schon wieder eine Standpauke zu halten?«, kam sie ihm zuvor.

»Das will ich allerdings. Als ich gesagt habe, du solltest deine Chance nutzen, meinte ich damit nicht, dass du mit dem erstbesten Trottel hier in die Kiste hüpfen sollst.«

»Das bin ich überhaupt nicht!«

»Und wieso bist du dann rot geworden, als du mich gesehen hast?«

»Weil ich verdammt noch mal stinkwütend auf dich bin.« Das war noch nicht mal gelogen. »Du hast mich im Stich gelassen, als ich dich gebraucht hätte. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie ich mich in den ersten Tagen hier gefühlt habe? Du kommst hierher und predigst von Neuanfang und Glück. Und dann zwitscherst du fröhlich ab und lässt dich Monate lang nicht blicken. Dirk hat mich jeden Tag besucht.«

Er rieb sich den Nacken. »Ja, weil er dir an die Wäsche wollte.«

»Und bloß, weil du das nicht willst, kannst du mich hier einfach versauern lassen?« Der Mann war einfach unmöglich! »Du hast doch selbst gesagt, dass ich hier neu anfangen soll. Und jetzt kommst du her und beschimpfst mich, weil ich genau das gemacht habe. Das ist einfach nicht fair.«

Er packte sie an den Schultern. »Ach, aber du bist fair, wenn du meine Warnungen einfach so in den Wind schlägst und dich fröhlich mit diesem Schnösel im Bett tummelst?«

»Ich habe dir schon gesagt, dass ich nicht mit ihm geschlafen habe.«

Er öffnete den Mund, um zu kontern, atmete dann aber tief durch. »Okay, ich glaube dir.«

»Danke.« Nicht, dass sie es nicht auf eine Art genossen hätte, sich mit ihm zu streiten. Aber auf seltsame Weise verstärkte sein Einlenken das aufregende Kribbeln noch. »Kommst du mit auf einen Kakao?«

 

* * *

 

Tara musterte Jonas über den Rand ihrer Kakaotasse hinweg, während sie ihm auseinandersetze, wieso Dirk bei ihr übernachtet hatte.

Seine Lippen wurden im Verlauf ihres Berichts zusehends schmaler, seine Wangenmuskeln spannten sich und seine Brauen zeigten erneut die missbilligende Wölbung, die sie so gut kannte. »Aber du wirfst ihn heute Abend wieder raus, ja?«

Bedächtig fuhr sie mit dem Zeigefinger den Rand ihrer Tasse nach. »Ich weiß noch nicht.«

»Du willst ihn ja wohl nicht hier bleiben lassen, ohne zu wissen, warum er von zu Hause rausgeflogen ist?«

»Er wird schon keinen umgebracht haben. Außerdem geht es mich auch gar nichts an.«

»Das geht es wohl, wenn du ihm Unterschlupf gewähren sollst.«

»Reg dich nicht auf, ja? Ich hatte ohnehin vor, eine Erklärung von ihm zu fordern.«

Damit gab er sich vorerst zufrieden, zumindest drang er nicht weiter in sie. »Okay. Dann darf ich jetzt aber vielleicht fragen, ob du dich denn inzwischen gut eingelebt hast?«

»Ja, ich denke schon. Das Kauderwelsch hier hör ich schon fast nicht mehr, im Fitnessstudio ist es super und, naja, ein paar nette Leute gibt’s hier schon.« Sie sah ihm förmlich an, wie er sich eine Bemerkung über Dirk verbiss. Nach kurzem Zögern setzte sie besänftigend hinzu: »Du hattest recht, als du gesagt hast, dass ich das hier nutzen muss. Und … wenn du nicht gekommen wärst, würde ich mich wahrscheinlich jetzt noch hier einigeln.«

»Irgendjemand muss dir eben von Zeit zu Zeit in deinen hübschen Hintern treten.« Er schenkte ihr ein spitzbübisches Lächeln, bei dessen Anblick sie krampfhaft eine ebensolche Reaktion unterdrücken musste.

»Mmpf. Das heißt aber noch lange nicht, dass du jetzt das Recht hast, dich weiterhin in alles einzumischen.«

»Schon gut. Dann werde ich es schön für mich behalten, dass ich deinen Dirk für einen schlitzohrigen Weiberhelden halte.«

Sie schmunzelte nun doch. »Ich bitte darum.«

»Ich muss jetzt los. Eigentlich war ich hier mit einem Kollegen verabredet, der mich nachher mit zur Arbeit nimmt.« Er stellte seine Tasse ab und erhob sich. »Pass auf dich auf, Kleines, ja?«

»Mach ich schon. Pass du auf dich auf.«

Er nickte und grinste dann unvermittelt. »Ich hoffe, du findest den Zettel noch, Süße.«

Er kannte sie einfach zu gut! Sie wartete, bis die Haustür ins Schloss gefallen war. Dann stürmte sie zum Mülleimer, kramte nach dem zerknüllten Papier mit seiner Nummer. Sie hatte es gerade gefunden, als das Telefon klingelte.

»Morgen, Volker«, meldete sie sich gelangweilt.

»Woher weißt du -?«

»Also hör mal. Du rufst mich jetzt seit Monaten fast jeden Tag an und fragst mich, ob ich mit dir ausgehe, während jeder andere in diesem gottverdammten Kaff einfach zur Tür reinschneit.«

»Heißt das jetzt, dass ich vorbeikommen darf?«

»Nein.«

»Wie lange muss ich dich noch anrufen, damit du endlich mit mir ausgehst?«

Nun, das fragte sie sich allerdings auch. Denn eigentlich mochte sie den kauzigen Kerl inzwischen ganz gern. Und unberechenbarer als Jonas oder Dirk konnte er wohl kaum sein. »Okay, hör zu. Wenn du mir versprichst, dass du mich bis dahin nicht mehr anrufst, gehe ich nächsten Dienstag mit dir aus.«

»Hört sich gut an. Dann um sieben an der Bushaltestelle im Städtle. Ich freu mich schon.«

Irgendwie war sie auch aufgeregt. Sie musste nur noch etwas Passendes zum Anziehen finden und das würde schwer werden.

Vorerst konnte sie sich damit aber noch nicht auseinandersetzen. Denn als Dirk nach Hause kam, erzählte er ganz aufgeregt, dass am Abend der Schulleiter der Michelbacher Privatschule zum Essen kommen würde. Fragte auf halbem Weg in die Küche, ob sie nicht schnell noch das bisschen Haus auf Vordermann bringen könne.

Ihr fiel die Kinnlade runter. »Was bitte?«

»Bitte stell jetzt keine Fragen, ich verspreche dir, dass ich dir alles erkläre, wenn er heute Abend weg ist.«

Seinem flehentlichen Blick war sie nicht gewachsen. »Na gut, aber nur, weil wir nicht mehr viel Zeit haben.«

»Danke, Tara. Du bist ein Schatz.«

Um fünf klingelte es an der Tür.

Dirk war noch mit dem Essen zu Gange, so dass sie selbst öffnete.

»Guten Tag, ich bin Direktor Doktor Baum«, stellte sich der ergraute Herr mit den seltsam unsympathischen Augen vor. »Aber Sie sind doch nicht Frau Kaufmann?«

Verdammt, als seine Mutter konnte sie nun wirklich nicht durchgehen! »Nein, ich bin, ähm, Dirks Schwester.« Siedend heiß fiel ihr ein, dass Dr. Baum sicher das Klingelschild gelesen hatte. »Das heißt, eigentlich nur seine Halbschwester. Unsere Eltern sind derzeit verreist und so lange wohnt Dirk bei mir. Kommen Sie doch am besten herein.«

Dr. Baum ließ sich nicht zweimal bitten. Und die Art, auf die er sich während des Essens mit Tara unterhielt, ließ keinerlei Zweifel daran, dass er gerne einmal ganz privat bei ihr vorbeikommen würde, wenn Dirks – und vermeintlich ihre eigenen - Eltern wieder zu Hause wären. Tara hätte ihn gerne in seine Schranken verwiesen, aber sie wollte Dirk die Chance nicht verbauen und so ertrug sie die Avancen des Schuldirektors.

»Ob der sich da drin wohl einen runterholt?« witzelte Dirk mit Blick auf die Badezimmertür, hinter der Dr. Baum nach dem Essen verschwunden war.

»Pscht«, machte Tara nur.

Beide lauschten wieder dem anhaltenden Wasserrauschen.

Immerhin schienen Taras weibliche Reize den Direktor schlussendlich überzeugt zu haben. Als er endlich das Bad verließ, versprach er, den Versand der Vertragsunterlagen gleich am kommenden Tag zu veranlassen.

Tara fühlte sich irgendwie schmutzig, nachdem er sich mit einem letzten lüsternen Seitenblick verabschiedet hatte, und so gönnte sie sich noch eine ausgiebige Dusche in Erwartung der Geschichte, die Dirk ihr nun ja wohl endlich erzählen würde. Die sie sich redlich verdient hatte, obendrein. Aber als sie schließlich in ein Badetuch gewickelt den Wohnraum betrat, schlief er bereits fest wie ein Stein.

Auch in den nächsten Tagen machte er keinerlei Anstalten, sie einzuweihen, sondern kam nur noch zum Schlafen nach Hause. Wenn man das denn ein Zuhause nennen konnte. Denn eigentlich hatte sie ihm niemals angeboten, einzuziehen. Sie wusste, dass sie ihn hätte rauswerfen sollen. Aber das konnte sie nicht. Wie hätte sie ihm übel nehmen können, dass er mehr Zeit brauchte, um über das, was bei ihm zu Hause vorgefallen war, zu reden? Hatte er sie etwa mit auch nur einem Wort nach ihrer Vergangenheit gefragt?

 

* * *

 

Fröstelnd stand Tara an der Haltestelle inmitten des historischen Stadtkerns mit seinen eigentlich niedlichen Fachwerkhäusern und wartete auf Volker. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, ihm zuzusagen? Sie stellte sich Jonas’ Miene vor, wenn er davon erführe. Eigentlich war es ein Wunder, dass er es ihr in den letzten Tagen nicht bereits aus der Nase gezogen hatte.

Nervös zupfte sie unter ihrem Wintermantel die Silberfäden hervor, mit denen ihr lang fließendes Kleid aus gebatikter Seide an der Taille durchwirkt war. Ihre Kollegin Rose hatte es ihr geschenkt, weil sie es nach zwei Geburten selbst nicht mehr tragen konnte.

Das Geräusch eines herannahenden Fahrrads hallte von den Wänden des Städtletors wieder.

Das musste er sein.

Der ganze gute Eindruck seines edlen Anzugs wurde durch das klapprige Fahrrad zunichte gemacht.

Neben ihr angekommen stieg er ab, nahm sorgfältig den Radhelm vom Kopf und grinste sie an. »Hi.«

»Hi«, erwiderte sie einfallslos.

»Da hinten geht’s zum Ochsen.« Sein Fahrrad fiel bei seiner ausladenden Bewegung scheppernd um. Er beeilte sich, es aufzuheben und schob es dann munter plappernd neben ihr her auf den Eingang des Gasthofs zu.

Die warme, gemütliche Gaststube mit ihren holzvertäfelten Wänden nahm Tara etwas von ihrer Beklemmung. In Hamburg hatten die feinen Lokale immer etwas Kühles, Abweisendes gehabt. Nicht, dass sie je in einem von ihnen gewesen wäre.

Volker half Tara aus ihrer Jacke und bestellte beim Gastwirt eine Flasche Champagner. Achtlos kippte Tara ihn herunter. Sie mochte keinen Alkohol, aber etwas Mut konnte in dieser Situation sicher nicht schaden. Zwar sah Volker nicht so abgebrüht aus, wie sie ihn sich nach seiner vorangegangenen Hartnäckigkeit vorgestellt hatte – wieso noch mal hatte sie ihm eigentlich zugesagt? - aber trotzdem schlug ihr das Herz bis zum Hals.

Verstohlen betrachtete sie den Mann an ihrer Seite. Eigentlich wirkte er mit seinem sommersprossenübersäten Gesicht ja ganz sympathisch.

»Wow, du siehst einfach toll aus.«

Wie oft hatte er das jetzt schon gesagt? Vermutlich genauso oft, wie er ihr in den letzten Minuten aufs Dekolleté gestarrt hatte, aus dem ihre Brüste jeden Moment herauszupurzeln drohten. So dankbar sie Rose zuvor für das Kleid gewesen war, so sehr wünschte sie sich jetzt einen einfachen Mehlsack herbei, der sie besser vor diesen Blicken schützen würde. Wenn sie doch wenigstens ihre Haare offen gelassen hätte!

»Das Essen hier ist ausgezeichnet. Also nicht, dass ich hier ständig Essen gehe – das letzte Mal, mmh, ja, ich glaub, das war zur Feier von Papas Pensionierung. Die hatten vielleicht leckere Steaks. Wow, absolut auf den Punkt! Damals war Mama noch dabei, das war vor der Diagnose …«

Dieser Kerl war ihr eindeutig zu geschwätzig. Nun, selbst schuld, das hätte sie ja nun wirklich vorhersehen können. Sie fürchtete sich vor dem Moment, in dem sie an die Reihe käme.

Taras knurrender Magen lenkte ihre Gedanken in eine andere Richtung. Trotz ihres Bärenhungers hatte sie nur einen Salat bestellt. Schließlich hatten Damen in der Öffentlichkeit wie ein Vögelchen zu essen. Zumindest hatte sie das bei »Vom Winde verweht« aufgeschnappt.

Obwohl das Videoband schon vor Jahren so sehr gerissen war, dass selbst Mari es nicht mehr hatte kleben können, erinnerte Tara sich noch an jedes einzelne Wort des Films. Auch daran, dass Scarlett sich nicht an diese Vorgabe gehalten hatte.

Aber Tara hatte nicht vor, die Aufmerksamkeit eines ganzen Rudels von Verehrern auf sich zu ziehen. Eigentlich war ihr schon der eine zu viel, der jetzt neben ihr saß und ihr mit seinem Gerede von Steak das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

Anders als Scarlett musste sie sich schließlich auch noch Gedanken darüber machen, ob sie nicht vielleicht selbst auf der Rechnung sitzen bleiben würde. Ein Blick auf die Speisekarte des Museumsgasthofs hatte genügt, um sie zu überzeugen, dass sie in dieser Hinsicht nichts riskieren würde.

Während ihr all das durch den Kopf ging, hatte Volker offenbar schon die Hälfte seiner Lebensgeschichte runtergerattert, wie sie entsetzt feststellte, als sie sich wieder auf das konzentrieren konnte, was er sagte.

Umso erleichterter war sie, dass gerade das Essen serviert wurde und sie daher nicht mehr tun musste, als ihm ab und an höflich zuzunicken. Lustlos stocherte sie in ihrem Salat herum und schielte dabei auf das fette Rumpsteak auf Volkers Teller.

Endlich war das Essen überstanden.

»Tut mir leid, dass du dich nicht besser amüsiert hast, ich war bestimmt keine gute Gesellschaft heute Abend. Aber du siehst so hinreißend aus, dass ich einfach keinen vernünftigen Satz herausbekommen habe.« Volker brach abrupt ab und fixierte seine Fußspitzen.

Mit dieser einfachen Geste brachte er das Eis nun doch endlich zum Schmelzen. »Hey, so schlimm war es nun wirklich nicht.« Zumindest von den nicht vernünftigen Sätzen hatte sie nun wirklich nichts bemerkt. »Aber ich muss morgen früh raus.«

Sie befürchtete, dass er darum bitten würde, sie nach Hause begleiten zu dürfen. Doch er tat es nicht. Stattdessen rief er ihr ein Taxi, bezahlte den Fahrer im Voraus und verabschiedete sich mit einem zarten Kuss, den sie unwillkürlich erwiderte. Jonas hatte sie schon oft dafür kritisiert, dass sie sich zu leicht von den Gefühlen anderer mitziehen ließ. Aber wollte sie jetzt über Jonas nachdenken? Doch ganz sicher nicht! Für einen kurzen Moment erlaubte sie sich, auf Wolken zu schweben.

Aber offenbar war sie zu schwer für die Wolken. Denn als sie wenig später zusammengekauert auf dem altersschwachen Lattenrost ihrer Mutter lag, musste sie sich eingestehen, dass Frösche sich nicht in Prinzen verwandelten, wenn man sie küsste. Sie klebten bloß an einem und erwarteten Dinge, die man ihnen nicht geben wollte. Warum versuchte sie es trotzdem immer wieder?

Auf jeden Fall hätte sie Volker nicht küssen dürfen, wo sie doch einen ganz anderen haben wollte. Der aber augenscheinlich nicht mehr von ihr wollte.

Aufseufzend warf sie einen Blick auf ihren schlafenden Mitbewohner. Wieso bloß musste sie sich immer in Männer verlieben, die unerreichbar waren?

Um ein Uhr nachts gab sie sich geschlagen, stand auf und machte sich eine große Schüssel Pudding zurecht. Vanillepudding. Mit Zimt.

Erstaunlicherweise hörte sie vom Sofa her plötzlich ein schnarrendes Geräusch und dann setzte sich doch tatsächlich ein etwas verschlafener Dirk, in einem fürchterlichen lila Schlafanzug, der ihn leider nicht im Mindesten entstellte, zu ihr an den Tisch.

Wortlos schaufelte Tara den Pudding in sich hinein. Dafür, dass Dirk ihr seit Tagen nicht einen Augenaufschlag geschenkt hatte, beschäftigte er ihre Gedanken eindeutig zu sehr. Da musste sie nicht auch noch mit ihm kommunizieren.

»Taranee?«, meldete sich der Grund ihrer schlaflosen Nächte schließlich zögernd.

»Mmpf.«

»Ich, ähm, möchte mich bei dir entschuldigen.«

Um ein Haar wäre ihr der Löffel aus der Hand gefallen. Nicht, dass ihr das angesichts dieser Eröffnung zu dieser Tageszeit irgendjemand hätte übel nehmen können.

Sie war noch vollauf damit beschäftigt, ihre Gesichtszüge einigermaßen unter Kontrolle zu halten, als er bereits fortfuhr: »Du hast mich unter einer Bedingung bei dir aufgenommen, die ich bis heute nicht erfüllt habe.«

Ganz langsam, um den Moment der Offenheit nicht zu zerstören, ließ Tara den Löffel sinken.

»Du hast mir dabei geholfen, diesen Lustmolch von Direktor zu überzeugen. Und ich weiß sehr wohl, dass ich die Schule nicht bezahlen könnte, wenn du mich hier nicht umsonst wohnen lassen würdest.«

Noch ein weiteres lobendes Wort und sie würde zu Boden sinken, um seine Füße zu küssen.

»Das mit meinem Vater ist noch zu frisch, um mit irgendwem darüber zu reden. Aber du … du hast die Wahrheit verdient. Also, es ist so … wir haben uns wegen meiner neuen Stiefmutter in die Haare gekriegt und zwar so heftig, dass mein Vater mich mit gezogener Waffe zur Tür rausgejagt hat. Deshalb darf er mich auf gar keinen Fall finden. Das verstehst du doch?«

»Ja.« Daher also der übereilte Schulwechsel. Kein Wunder, dass er da in letzter Zeit anderes im Kopf gehabt hatte, als ihr schöne Augen zu machen.

Und er hatte sich ihr anvertraut, ohne dass sie es von ihm verlangt hatte!

Damit war ihr Tag, so jung er noch sein mochte, gerettet. Und als dann am Nachmittag auch noch Jonas mit ihrem Lieblingskuchen zum Kaffee vorbeikam, war er perfekt.

»Ich hatte mir schon fast gedacht, dass du heute endlich besser drauf sein würdest.«

Und sie hätte sich denken können, dass die Worte »perfekt« und »Jonas« nie länger als eine halbe Minute in einen Satz passen würden!

Mit deutlich zu viel Wucht landete ihre Gabel in ihrem Kuchenstück. »Wie meinst du das?«

»Naja, ich bin froh, dass du jetzt über diesen Dirk hinweg bist«, erläuterte er mit Unschuldsmiene. »Volker passt doch viel besser zu dir.«

»Du willst mir jetzt aber nicht erzählen, dass du das mit Volker eingefädelt hast?«

»Naja, wir arbeiten zusammen in der Fabrik und als er mir von eurer Verabredung erzählt hat, hab ich ihm halt ein paar Tipps gegeben.«

»Das ist doch jetzt nicht wahr, oder? Verdammt, Jonas, wann hörst du endlich damit auf, mich auf jede erdenkliche Weise zu bevormunden?«

»Tara, bitte, das war nicht bös gemeint. Und es ist doch gut gelaufen gestern.«

Er hatte tatsächlich die Dreistigkeit besessen, zuerst Volker über den Verlauf des Dates auszuhorchen! »Da bist du aber falsch informiert. Ich kann den Kerl nicht ausstehen.«

»Du hast ihn geküsst.«

»Na und?« Das wusste er also auch. »Das heißt noch lange nicht, dass ich ihn wiedersehen will.«

»Gott, Tara, werd endlich erwachsen. Du kannst nicht dein Leben lang davonlaufen, sobald sich ein Kerl für dich interessiert.«

»Ich laufe vor gar nichts davon!«

»Sicher. Und Dirk findest du auch nicht deshalb jeden Tag toller, weil er dich nicht mehr mit dem Arsch anguckt.«

Sie schoss regelrecht von ihrem Platz hoch. »Raus hier!«

»Süße, das war nicht so gemeint, wirklich. Ich dachte doch nur -«

»Fahr zu Hölle mit deinen Gedanken und nimm deinen verdammten Volker mit! Ich will keinen von euch jemals wieder sehen. Und jetzt raus hier. Sofort!«

Er ging. Tara sank gegen den Türrahmen. Ihr Blick fiel durch den Tränenschleier auf die in ihrer Hast umgeworfene Kakaotasse, deren Inhalt jetzt in den scheußlichen türkisgrünen Teppich einsickerte. Schniefend fegte sie auch noch die Reste des Kuchens vom Tisch. Wieso musste Jonas immer alles kaputt machen?

 

* * *

 

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© 2014 Kristin B. Sword

Kristin B. Sword